narrative spaces

Schrank innen
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Wo Es Beginnt (umkleiden), 2024

Es braucht nicht unbedingt viel, um einen Ort zu erschaffen. Das zeigt auch Philippe Emanuel Derliens Wo Es Beginnt (umkleiden). Und dass, obwohl die Installation durch ihre unverschönten Gipskartonplatten noch unfertig und gerade im Prozess des Entstehens erscheint. Die Rohheit der Arbeit lässt uns glauben, den einen oder anderen Arbeits- und Gedankenvorgang des Künstlers nachvollziehen zu können. Gleichzeitig lässt sie an die Bauten des Brutalismus denken, die heute überwiegend mit dem bewusst nicht verkleideten Sichtbeton in Verbindung gebracht werden. Aber kann man auch hier von Architektur sprechen? Die Installation scheint vielmehr die Prinzipien moderner Architektur zu hinterfragen. Die oft erklärte Vorliebe für einfache geometrische Formen und Konzepte wie Form follows function suggerieren das Erschaffen einer organischen und nach Funktionalität ausgerichteten Umgebung, die dann in der Realität manchmal mehr und manchmal weniger zutrifft. Derliens vermeintliche Architektur, nur im ersten Augenschein von simplen geometrischen Formen geprägt, öffnet sich für den Betrachtenden zunächst an mehreren Stellen. Der Künstler erschafft dann jedoch einen Irritationsmoment, indem er sie nur an einer Seite tatsächlich begehbar macht. Ebenfalls irritiert der Schlitz in der Decke, spricht er doch gegen ihre Funktionstüchtigkeit. Dass ein architektonischer Ort allerdings mehr ist als eine Konstruktion, die innen von außen trennt, wird uns an dieser Stelle wieder in Erinnerung gerufen. So können die Lichtschlitze hier als Referenz auf Le Corbusier gelesen werden, in dessen Sakralbauten eben jene an den unerwartetsten Stellen auftauchen und manchmal diffuser, manchmal sehr direkt, die (spirituelle) Stimmung und liturgischen Vorgänge nicht bloß unterstreichen, sondern gezielt einrahmen. Das von Derlien inszenierte Licht zeigt uns den Weg ins Innere der Installation und gibt die Stimmung für das vor, was wir zu sehen bekommen: die zum Teil geöffneten und hastig verlassen wirkenden Spinde laden kaum zum längeren Verweilen ein. Gleichzeitig regt die surreal anmutende Atmosphäre zum Projizieren von eigenen Geschichten an, die hier beginnen könnten. So erschafft Derlien gleichzeitig einen Ort und einen Nicht-Ort – beides im wörtlichen Sinn, letzteres außerdem nach der Idee von Marc Augé.

Dana Margarete Adele Bulic