narrative spaces

Kleiner zufall von heute

Ich fand einen Ohrring und ließ ihn liegen. Dort auf nasser Erde; er war recht groß, rechteckig, weiß, schwarz, rot, eine aufgehende Sonne vielleicht.

In mitten des Weges, unter den Bäumen, der Verantwortung erfolgreich entzogen, wand ich mich ab.

Ein wenig später an anderer Stelle, bemerkte ich Unruhe, Hektik, Menschen suchten etwas. Ob es vielleicht in der Arbeit von Yayoi Kusama vergessen wurde? Möglich. Ich verfolge die Szene kurz, bemerke dann das Mädchen, unverkennbar trägt es jenen Ohrring.

Ich winde mich durch, entschuldige mich, du hast einen Ohring verloren? Ich habe ihn nicht, aber ich weiß wo er ist. Ich zeige es ihr auf der Karte. Wie Schatzsucher schauen wir. Ich erkläre mich doppelt, warum ich ihn hab liegen lassen, ohne eine Erklärung zu haben. Ich weiß es selbst nicht.

Sie und ihre Familie sind überrascht, bedanken sich und gehen. Ich konnte es ja nicht wissen. Wie schön wäre es gewesen, ihn jetzt einfach aus der Tasche zu holen.
Fast bin ich gewillt, ihnen den Ort zu zeigen. Ich kenne das ungute Gefühl, etwas materielles zu verlieren. Fast bin ich gewillt nachzusehen, ob sie ihn denn gefunden haben. Ich rede mir ein, es wird schon geklappt haben.

Nachher treffe ich sie wieder, wo anders. Sie hat zwei Ohrringe. Ich vergewissere mich trotzdem bei ihr. Sie strahlt übers Gesicht. Ich denke daran, dass Aufmerksamkeit gegenüber dem Umraum und den Gesten, Handlungen und Worten, mit denen Menschen meinen Umraum füllen, von großer Bedeutung ist. Ein jeder hat seinen Platz, wenn er sich umsieht.