Lieber weiter Treppensteigen als ein Aufzug von Coca-Cola
Ich hatte die schöne Gelegenheit das Edificio conjunto in Gavea (RJ) zu besuchen und mit den Bewohner.innen dieses modernistischen Klassikers des sozialen Wohnungsbaus zu sprechen.

Mit der Metro begab ich mich morgens zu diesem lang gezogenen, S-förmigen Gebäude, dass sich direkt neben dem Campus der Privat-Uni PUC befindet. Diese, der katholischen Kirche gehörende Universität, beheimatet auf diesem Campus unter anderem ihre Design Fakultät und spielt in dieser Geschichte keine unbedeutende Rolle. Der Wohnungsbau, errichtet 1952 und entworfen von und mit Alfonso Reidy und Carmen Portinho, trägt auch den Spitznamen „Minhocão“ der auf die Sagen-Figur eines riesigen Wurmes zurückzuführen ist, der sich der Legende nach durch das Erdreich Brasiliens frisst. Dokumentierte Begegnungen und Sichtungen gab es bis ins 18. Jahrhundert, angeblich. In São Paulo gibt es auch einen Minhocão, in Form einer breiten Straße durch das Zentrum. Jedoch ist dieser, um den es heute geht, aufgespießt und auf der Stelle erlegen. Doch dazu später mehr.
Die ersten Bewohner, die mir Ana, eine Studentin die hier mal gewohnt hat und mich heute netterweise rumführt, vorstellt, sind die streunenden Katzen. Nun sehen wir sie nicht sofort, aber die Menschen haben kleine, rote Hütten für sie am steilen Hang unterhalb des Gebäudes aufgestellt. Wie kleine Modelle stehen sie dort, bewohnen eine sonst unbrauchbare, dicht bewachsene Fläche. Das Gebäude darüber steht auf ca. 7 m hohen Säulen und schafft daher einen großen Raum unter sich. Dieser ist weitestgehend für Parkplätze und allerlei Schutt genutzt. Über eine lange Rampe gelangt man auf eine Zwischenebene, die als Parkplatz für Fahrräder genutzt wird, sowie als Brache für allerlei schöne Dinge, die sich im Laufe der Zeit eben so ansammeln. Ana erzählt, hier habe sie als Kind gespielt, ebenso auf dem Hang. Meine erste (deutsche? bürgerliche?) Reaktion ist zu denken: wie gefährlich, die Kinder, die Ebene hat keinerlei Begrenzung, man blickt mehrere Meter in die Tiefe. Aber es sei wohl abenteuerlich gewesen, und ja als Kind hätte ich wohl auch große Freude am Erkunden gehabt.
Wir laufen weiter und gelangen über eine enges Treppenhaus, den Hauptzugang von dieser Seite, auf die Zwischenebene.
Ein Hauptmerkmal dieser modernistischen Form des Wohnungsbaus ist die längs eingezogene Ebene zwischen zwei Gebäudeteilen. Ein ca. 2,5m hoher, offener Raum, flankiert durch V-förmige Säulen, erstreckt sich über die gesamte Länge des Gebäudes. Dies ist nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern macht auch deutlich schnellere Wege zu den weiteren Treppenhäusern und Stockwerken möglich.

Außerdem gibt es sogar einen Laden in mitten dieser Ebene. (wir würden sagen: „Tante-Emma-Laden“, aber erkläre das mal einem Brasilianer…) der alles nötige zu haben scheint. Er wirkt merklich deplatziert, mit dem Glas und dem orange-lilanen Logo in mitten des hellgrauen Betons. Der Zustand des Materials und des Gebäudes an sich ist an der Grenze zu marode, funktional aber doch von der Zeit gezeichnet. Doch trägt es zum Charakter und zum Wesen dieses Ortes bei: Die offenen Löcher, die vielen verschiedenen Abflüsse, die offenen Kabel, die offenen Glübirnen, die ausgebesserten Stellen. Ana zeigt mir als Nächstes die Waschküchen. Im obersten Stockwerk, welches ursprünglich ohne Dach war und heute halb verschlossen ist, befinden sich die einzelnen Abteile mit den nummerierten Waschstationen. Die Abteile sind alle gleich ausgestattet, bekommen aber durch eingezogene Wäschleinen, improvisierte Abstellräume und unterschiedliche Einrichtungen individuelle Charaktere. Jede Wohnung hat dabei eine der seriell produzierten, manuellen Waschbecken zur Verfügung, von denen manche demoliert und andere durch Waschmaschinen ersetzt wurden. In einem Abteil befinden sich bis zu 8 solcher Stationen, die durchaus einen skulpturalen Charakter haben mit ihren vier Beinen und der schräg vorstehenden, mit Rillen versehenen Ebene, um drauf die Kleidung zu waschen. Ein bisschen wie ein brutalistischer Elefant.

Von hier oben, so wie von der gesamten Ostseite hat man einen guten Blick auf das Viertel und die Berge dahinter, sogar Christo ist in Sicht. Ebenfalls brutalistisch und der eigentliche Elefant im Raum ist jedoch der Tunnel, der quer durch das Gebäude verläuft und Hauptmerkmal und Bestandteil dieser Architektur ist: circa im zweiten Drittel des Wohnkomplexes wurde 1980 auf einer Breite von ca 15 Wohnungen und einer Höhe von
2 Einstöckigen Wohnungen quasi ein Loch in den Teil unterhalb der offenen Ebene geschnitten. Durch dieses rauscht seither der Verkehr von und nach Barra da Tijuca, angeblich bis zu 70.000 Fahrzeuge täglich. Diese Vielzahl and Autos und Motos werden täglich von dem klaffenden Loch in der Fassade verschluckt und in den grauen, hinter dem Gebäude verlaufenden Schlund gezogen.
Insgesamt 36 Familien mussten dem Projekt weichen, ihnen wurden neue, angeblich größere Wohnungen hinter dem Minhocão
errichtet. Auch deshalb blieb der Wiederstand gegen das Projekt überschaubar. Auch den Lärm nehme ich als konstant aber nicht übermäßig wahr, aber vielleicht liegt das auch an der Abstumpfung, die man nach einiger Zeit in der Stadt erfährt. Hier zu leben, je nach Nähe zum Tunnel ist sicherlich nochmal etwas ganz anderes, kommen doch Faktoren wie Luftverschmutzung und Vibration hinzu.
Interessant an der Geschichte ist ebenfalls dass der erste Plan, die Straße durch das Gelände der katholischen Universität zu führen, erfolgreich von dieser Verhindert wurde. Dann doch lieber ein Loch in den Sozialbau schneiden. So ist bis heute der Minhocão durchbohrt, verwoben, intravenös gefüttert mit Asphalt und Stahl.
Zur letzten Ruhe gekommen ist er deshalb aber noch nicht, nach wie vor gibt es eine große Intakte Wohngemeinschaft. Nach dem Besuch der Waschküchen treffen wir
Auf dem Rückweg nach unten Anas Eltern. Sie bewohnen eine der Duplex Wohnungen auf der Mitte des Gebäudes, also einer Einheit mit zwei Geschossen. Auf wenigen Quadratmetern, ich würde schätzen nicht mehr als 30, ist alles organisiert. Die Küche direkt neben dem Eingang ist fast zu übersehen. Nach dem Durchgang zum Wohnzimmer geht links eine Treppe, gerade mal groß genug. Das zentrale große Fenster im Wohnzimmer schafft viel Helligkeit und definiert die Anordnung der Möbel mit: Links Couch, Mitte Tisch, rechts Fernseher. Zwischendurch ein paar Regale, viel Platz für unnötige Möbel ist nicht, ökonomisch hat alles seinen Platz. Im zweiten Stock ist ein kleines Bad und zwei Schlafzimmer, ebenfalls mit Fenstern nach hinten bzw. vorne. Bei ersterem könnte man wirklich denken, man lebe direkt an einem Park oder kleinen Wald. Für eine Kleinfamilie sicherlich vollkommen ausreichend.
Der Vater erzählt mir, dass er die Ruhe und Sicherheit des Gebäudes schätze, er käme aus der Rochinha, der größten aber nicht gefährlichsten, Favela der Stadt. Dort gäbe es Probleme mit Drogenhandel, und er schätze sehr dass es hier ruhiger zugeht.
Tatsächlich kann ich mir gut vorstellen, dass es möglich ist, sich hier einen Kleinod zu schaffen.
Nach dem Besuch habe ich noch die Möglichkeit etwas zu filmen und ich halte mich auf der freien Zwischenebene auf. Spontan frage ich eine Bewohnerin in der Nähe des Ladens nach ihren Erfahrungen hier.
Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass sie schon mehrmals umgezogen ist und an mehreren Orten in diesem Haus gewohnt hat. Dabei ist eine Bemerkung besonders interessant: Laut ihrer Erfahrung ist die eine Hälfte des Gebäudes mehr „Geschwätziger“ bzw. mehr mit dem Gerede über das Verhalten anderer beschäftigt als die andere Seite.
Und dies lässt sich, laut ihr, direkt auf die Architektur des Gebäudes zurückführen. Die langen, äußeren Korridoren die an der Rückseite des Gebäudes verlaufen und alle Wohnungen verbinden, lassen auf der konkaven Seite des S-Förmigen Baus einen Überblick über quasi die gesamte Seite zu. Während es bei der konvexen Seite aufgrund der Beugung nicht möglich ist, sehr weit zu den Nachbarn zu schauen.
Diese Möglichkeit bzw. Einschränkung des Beobachtet werdens führt dazu, weniger oder mehr Informationen über das Lebens andere zu haben. In diesem Sinne kann man sagen, es gibt einen Unterschied im sozialen Umgang, der Nähe, des mit und übereinander Redens abhängig davon wo man wohnt, so wie es auch in anderen Wohngegenden der Fall ist.

Ich weise auf den Laden hin, frage nach seiner Benutzung. Da sich niemand im Inneren aufhielt, ging ich davon aus, es sei geschlossen. Doch sie bietet mir an, dort etwas zu kaufen und ich verstehe, dass es ein begehbarer Selbstbedienungsladen ist. Das nötigste an Essen, Getränken, Putz- und Hygieneartikeln wird dort angeboten. Der Eintritt, deshalb ihr Angebot, erfolgt durch einen Scan des Gesichts, der bei Erfolg die Tür öffnet. In Anbetracht des übrigen, „abgelebten“ Zustandes des Gebäudes, wirkt diese Technologie geradezu wie eine Mondfähre. Nach dem Self Checkout mit meiner Cola geht es wieder nach Draußen. Brasilianer und Brasilianerinnen sind gesprächig und speaking of Coca Cola, für die nächste Anekdote. Jeder mit dem ich heute gesprochen haben, meinte auf die Frage, was fehlt, dass definitiv ein Aufzug nötig wäre. Das ist eigentlich offensichtlich. Die weniger, eher weit auseinander liegenden Treppen über die 5 Stockwerke sind für ältere oder eingeschränkte Personen eine Herausforderung und ein Grund für viele, wegzuziehen, wie mir die Anwohnerin erzählt. Vielfach gefordert und den Mangel öffentlich bekundet, kam vor einigen Jahren dann die Möglichkeit, das Problem zu lösen. Coca-Cola hat sich als Firma bereit erklärt einen Aufzug außen am Gebäude zu finanzieren, ebenso wie seine Instandhaltung. Der Aufzug würde dann als eine große Werbefläche für Coca-Cola dienen, alle vorbeifahrenden Menschen sehen den unverkennbar roten Turm vor dem hellgrauen Gebäude. Nun was ist passiert, warum haben wir heute nicht dieses schöne, praktische Extra? Die finale Entscheidung lag bei den Bewohnern selbst und in einer Ja/Nein Abstimmung hat sich die Mehrheit dagegen ausgesprochen. Im ersten Moment ist das schwer zu glauben und ich bin geneigt, darin einen Akt antikapitalistischer Selbstermächtigung zu sehen: Wir lassen uns nicht von den Konzernen zu faulen, abhängigen Wesen erziehen. Wir marschieren weiter die Treppen und sind stolz, diesen Bau so zu erhalten wie er ist. Die wahren Gründe sind sicher vielfältiger, auch wenn die die Bewohnerin sie nicht kennt oder nicht erzählen will, sie war offensichtlich dafür. So blieb die Chance unerfüllt und die Treppen weiter beklagt. Sie erzählt mir noch, dass in den unteren Geschossen des öfteren Tiere, mit unter Faultiere und natürlich Affen, in die Wohnungen eindringen, der Wald ist schließlich direkt vor der Tür und für die Tiere ein leichtes, Bewohner dieses Hauses zu sein. Im Anschluss an unser Gespräch filme ich noch weiter im öffentlichen Bereich, bis mich die Verwaltung, bzw. Ordnungsdienst des Gebäudes bittet, das einzustellen. In meinem Fall ist es vielleicht sogar gut, mich an einem Punkt zu bremsen.

Abschließend sei erwähnt, dass für dieses Gebäude ursprünglich eine Favela zerstört wurde und die Bewohner dieser nur teilweise in das neue Gebäude ziehen konnten. Ihnen wurden neue Gebäude errichtet, außerhalb. Es stellt sich die Frage, wie sozial ein Sozialbau wirklich ist und wer alles einbezogen ist, in die Idee des Sozialen. Heute steht ein heruntergekommenes, aber intaktes Gebäude, das stellenweise von seinen Bewohnern verändert, angeeignet und erweitert wird: Ana z.B. legt hinter dem Gebäude einen kleinen Garten an. Die Menschen beleben, ob auf der sozialen oder eher unsozialen Seite des S eine historische, praktische, gut organisierte Architektur. Die Wohnungen und Flächen sind für den Durchschnittskörper entworfen und mangeln an gerechten Anpassungen für eingeschränkte Personen, ebenso wie auch die Treppen und Flure. Dennoch erzieht einen die nützliche und reduzierte Struktur zu Sparsamkeit an der Einrichtung, bzw. einem ökonomischen Wohnen. An den Tunnel hat man sich mehr oder minder gewöhnt, wahrscheinlich ist es wie an einer Schnellstraße zu wohnen, jedenfalls fällt er in den Gesprächen nicht wirklich ins Gewicht. Es herrscht Leben in diesem von außen eher unscheinbaren Minhocão und es organisiert sich in einer nachbarschaftlichen Gemeinde, die in ihren öffentlichen Räumen durchaus Wohnlichkeit ausstrahlt. Nach all der Filmerei fehlt mir nur eines, wie so oft in Brasilien: Mehr Sitzgelegenheiten auf öffentlichen Flächen.