narrative spaces

Abgründe des Bücherregals - Ein Gedanke zum Werk von Louise Nevelson

Am Holz hing gewiss nicht ihr Herz. Dass sagt sie selber in in einem Film, denn wäre dem so, dann würde sie nicht konsequent alles monochrom streichen. Es macht Sinn, denn das Holz in den Environments, Skulpturen und Wänden tritt als Naturmaterial in den Hintergrund. Goldene, weiße, aber meistens schwarze Farbe verschluckt gleichmäßig die Maserung, lediglich Löcher, Sägespuren oder Fräsungen verweisen noch auf die natürliche Materialität der Objekte. Formen, Grenze, Schatten und scharf abgetrennte Buschtaben, Worte und Sätze sollen sie sein: Obejekte, Kiste und Wand. Eine Wand der Sprache, aber keineswegs die Deklination mystischer Vokabeln oder die Formspielerei der Geometrie. Denn für beides bräuchte es Logik, und die Matrix der Louise Nevelson ist intuitiv, fehlerhaft, oder so komplex, dass das Bewusstsein zum Entziffern ihrer Grammatik noch erfunden werden muss. Auch in den späteren Wandinstallationen sind Objekte scheinbar zufällig, bewusst die Ordnung hinterfragend angebracht.

Der Kuration des Centre Pompidou-Metz würde ich anhängen sich bei der Beleuchtung keinen Gefallen getan zu haben. Nevelson war eine "Architektin von Licht und Schatten", jedoch braucht es keine Spots oder Podeste um die raumverschluckende Kraft der Abgründe zwischen den Stuhlbeinen zu erkennen. Den Werken wohnt eine skulpturale Tiefe inne, die nicht durch harte Schlagschatten oder Glanzlichter geweckt werden muss. Im Gegenteil: Diese fast filmische Inszenierung poliert und entblößt die Formen und verschluckt dadurch geradezu die Details, welche auf irdische Zeit und Raum Verhältnisse verweisen. Natürlich kann man dagegen halten, die Werke bewusst der Realität des Ausstellungsraumes entrücken zu wollen und die Erzählung einer Welt fern ab der unseren zu schärfen. Besonders bei hyptnotisierend symetrischen Arsenalen, bestückt mit obskuren Stücken unbekannter Herkunft, möchte ich vielleicht auch nicht Elemente aus dem Balkon "der Schule gegenüber" erkennen, oder Mamas alten Nachttisch. Die Kunst passiert genau auf dieser Schwelle: Mein fein möbliertes Leben wird zu einer außerirdischen Bibliothek der Träume und Maschinen. Ein Bausatz der Unendlichkeit, ohne die Logik einer Anleitung. Ein Kabinett der Multiversen.