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somethings wrong: o complexo de vira-lata. Eine Fragestellung

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Um dieses seltsame Lebensgefühl dieses Landes und dieser noch seltsameren Stadt Rio auch nur für einen kleinen Moment zu beschreiben, der sich für mich irgendwo zwischen ekstatischen Samba, trunkener Suche, endloser Geselligkeit und ständigem laut sein, körperlicher Reibung, Freizügigkeit und Entfremdung, engen Räumen, Anhäufung von Material und Kommerz und dem Kampf um Sichtbarkeit und dem bloßen Überleben befindet, versuche ich es hier wie eine Collage aus mehreren Teilen zu umreißen und dabei eine Fragestellung aufzumachen.

Es ist ein unterhaltsames, nachdenkliches Spiel sich die Stadt als einen Nachbau, ein Modell oder ein Abbild des eigenen Körpers vorzustellen. Ähnlich wie das Zimmer einen Zustand repräsentiert, kann die Stadt als ein körperlicher Prozess gelesen werden, der einer ständigen Entwicklung unterliegt. Versorgungsbahnen durchkreuzen die Wohnviertel, grüne Lungen geben Raum zum Atmen. Alte Zellen werden abgebaut und durch neue ersetzt. Archive speichern das Wissen, auf welchem wir die Zukunft gründen und Entscheidungen treffen. Auf der untersten Ebene der Straße sieht man keinen Himmel mehr, vor lauter Schmuck und Farbe. Menschen sammeln sich in Agglomerationen der Wärme: In den Schatten künstlichen Lichtes von Bars, Nachtclubs, Wohnzimmern wird die Zukunft produziert und die Vergangenheit begraben. Immer mehr Schichten aus Metall, Glas, Stein Plastik oder Silikonen halten das Natürliche und seine Umwelteinflüsse von uns fern. Monumente als Glaubensideale werden abgerissen oder neu errichtet. Bis sich Entscheidungen oder Entschlüsse durch die vollen Straßen gedrängt haben kann einige Zeit vergehen. Straßen und Wege durchkreuzen den Untergrund, die Berge um uns herum. Das Unterbewusste. Eine tägliche Reise tausender Menschen durch die Schichten des Unterbewusstseins und den Ort der Intuition.
Was bedeutet es aber dann für eine Stadt, wenn eine Straße mitten durch einen Sozialbau gebaut wird und dafür ein Loch in die Fassade gefräst wird? Oder wenn sich eine Metro durch den Untergrund frisst und dabei Gebäude weichen müssen?

Genau das passierte 1976 als der Palacio Monroe, ein Monumentalbau im Stile des Eklektizimus mit französischen Einflüssen, im Stadtteil Cinelandia dem Bau einer neuen Metrostation weichen musste. Wäre die Geschichte des Prachtbaus nicht schon bewegend genug: Errichtet 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis für den brasilianischen Pavillon, wurde er dort abgebaut und mit dem Schiff nach Rio transportiert. Dort Stein für Stein wieder aufgebaut diente er als ein Wahrzeichen der Stadt und u.A. als Sitz des Senats und des Kongresses bis 1960.

1975 weigerte sich dann Stararchitekt und Stadtplaner Lucio Costa, der, wie weitere Architekten in dieser Zeit große Macht auf sich vereinten, den Denkmalschutz für den Palacio Monroe zu gewährleisten. Offensichtlich von persönlichen Vorlieben geleitet, bevorzugte Costa den brasilianischen Modernismus und die Architektur der Kolonialzeit vor allen anderen, historischen Stilen und Einflüssen.

Obwohl eine große Kontroverse und inzwischen ein Alternativplan für die U-bahn vorlag, entschied man den Palast 1976 abzureißen, und damit ein historisches Erbe der Stadt verschwinden zu lassen. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lúcio_Costa, https://de.wikipedia.org/wiki/Palácio_Monroe)

Diese Geschichte ist auf mehreren Ebenen interessant, da sie zum einen die Bedeutung und Macht von Architektur und Architekten widerspiegelt und zum anderen auf ein seltsamen Umgang mit, beziehungsweise ein gebrochenes Verhältnis der Gesellschaft zu ihrer Geschichte hinweist. Dabei ist es natürlich das gute Recht einer jeden Gruppe oder Gesellschaft ihre Monumente zu hinterfragen und einzureißen. Außerdem möchte ich betonen, dass dies Beobachtung, Rückschlüsse und meine Interpretationen aus Gesprächen sind, und ich ganz am Anfang eines Lernprozesses über die Komplexität der brasilianischen Gesellschaft stehe.

Ich komme jedoch nicht umhin, dem Gefühl Raum zu geben, dass unter der Fassade der Lebensfreude und dem unglaublichen, natürlichen und kulturellem Reichtum dieses Ortes auch ein Gefühl der Schwere und der erbitterten Frage der Identität steht. Was will dieses Land sein und wie wirken noch heute, in den Straßen, Gebäuden und Köpfen der Menschen die Traumata der Kolonialzeit und die Nachwehen der Geschichte? Zentraler Bestandteil nicht nur stadtplanerischer und architektonischer Fragen der brasilianischen Moderne ist die Identitätsfrage Brasiliens. Denn schaut man zurück, fußt die Gesellschaft auf den Strukturen der europäischen Kolonialisierung. Seit dem hat sich ein Teufelskreis aufgemacht, welcher die Unterdrückung der Unterschicht fördert und Reichtum und Korruption in der Oberschicht begünstigt. Wie genau funktioniert das? Die Menschen sind quasi das Modell der Unterdrückung gewohnt, bzw. zerbricht vieles daran dass die Menschen sich nicht mit diesem Land identifizieren können, da seine Entstehung und Entwicklung auf der kolonialen Idee Portugals beruht. Und dieses Modell wurde auch nach der Abschaffung der Sklaverei fortgeführt: Die Machthaber boten weißen Europäern Anfang des 20. Jahrhunderts Land an, dass sie bewirtschaften können um damit das Land mit weißen Grundbesitzern zu füllen, von denen viele drauf hin wieder schwarze Menschen "einstellten". Auf der Suche nach Identität schwankt vieles zwischen Anlehnung und Sehnsucht nach westlichen Standards und Reichtum und gleichzeitig die Abneigung und Ablehnung einer erneuten Abhängigkeit von westlicher Kultur und dem Westen generell. Viele Menschen scheinen sie zu akzeptieren, die Spaltung der Gesellschaft , zu gut, zu reich ist die Kultur, die es ja gibt, an allen Ecken und für fast alle auch zugänglich: Musik, Samba, Fußball, Natur, Speisen, Frucht und Pflanzen. Wo ist der Hass, der Aktivismus, etwas zu verändern? Die Menschen scheinen passiv, fast akzeptierend ihrem Schicksal gegenüber und gelähmt von der scheinbaren Unmöglichkeit Dinge zu ändern. Das Land könnte in einem Zwischenraum stehen: Beachtlicher Ressourcen Reichtum und lebendige Kultur auf der einen Seite und das Gefühl der ständigen Abhängigkeit und Minderwertigkeit gegenüber des westlichen Lebens auf der anderen Seite. Ich stolperte über den Begriff, der dies ausdrückt: O complexo de vira-lata. (wörtlich: Straßenhund Komplex) Er umschreibt das Gefühl, welches viele hier umzutreiben scheint. Das in Brasilien die Dinge eben so sind, die Armut, die Korruption, das ständige Unterliegen vor dem Westen. Und dass sich daran auch nichts ändern wird und auch nicht kann. Das, egal was man versucht, am Ende wieder das Scheitern steht. Daraus resultiert ein gewisser Selbsthass und Selbst-Sabotage aber auch eine Akzeptanz und eben jenes passive Gefühl, jenes Schulterzucken mit einem Lachen danach. Verwand damit der Ausdruck: Gott war Brasilianer. Wenn Gott in seinem Wesen einer von uns war, und das Höchste und sein Produkt der Schöpfung mit der Idee Brasiliens gleichgesetzt wird, denn so verstehe ich den Satz, dann ist alles was geschieht, in Gottes Sinne und bedarf keiner Veränderung. Und auch scheint Gott zufrieden, ja sogar überaus stolz auf die Idee Brasiliens zu sein, nimmt er doch selbst seinen Namen an. Zumindest könnte so eine Auslegung sein. Vielleicht ist dieser Komplex Teil des Gefühls, dass einen hier umtreiben kann: etwas köchelt, brennt, lodert, ich kann es nur noch nicht fassen. Mir war es wichtig, diesen Begriff einmal anzureißen, wenn auch nur oberflächig. Denn es ist ein raues, unbehagliches Sein, dass einen hier ereilen kann. Ich will mir als "Gringo" nicht anmaßen, zu urteilen und kann auch nur scheitern, diesen Komplex in seiner psychologischen Dimension zu begreifen. Ich kann nur erfahren, staunen und ehrfürchtig sein, vor diesem Bild, dass dieser Ort aus dem Wurzeln seiner Geschichte hervorgebracht hat und immer noch hervorbringt.