the last day
Auf einer schlechten Ausstellung bei fast genauso schlechtem Mitt-Juni Wetter, eine erfrischende Regenperiode inmitten der Hitzewellen, erschienen mir die lieblos platzierten Objekte, oberflächliche, behelfsmäßig eingefangene und skizzierte Abbilder von einem wie-Kunst-nun-mal-aussehen-soll als weiteres Indiz, dass wir in ferner Zukunft genauso gut auf Materie und all ihre Abhängigkeiten verzichten können. Eine riesengroße Unsicherheit machte sich im Raum breit, ob Materie noch fähig sei, all die bedeutungsschweren Gedanken und Depressionen unserer Zeit verdaulich und konsumierbar zu vermitteln. Das Ergebnis ist ein Abgesang, ein stilles, zitterndes Gedenken durch übrig gebliebene Deko-Artikel im Souvenir Shop, Nachbildungen und Material Fakes, denn wir wissen ja, wie die Dinge aussahen, wie sie sich angefühlt haben, der Reiz mit dem Daumen über eine Miniatur aus porösem Irgendetwas zu streichen ist vollkommend ausreichend. Es ist die Zeit angebrochen, in der wir nostalgisch dem 3D-Zeitalter hinterher blicken, in der Dinge, die sich einmal körperlich breit und groß und schwer gemacht haben, sich verkleinern, handlich werden, glatt und mit geschliffenen Kannten, hybrid und sparsam, umweltschonend und platzsparend, wiederverwendbar und recycled bis zur Unkenntlichkeit, gescannt, gecodet, subsumiert, schwebend, Gesten-gesteuert, digitalisiert und auf Cloudservern abgelegt, in Paralleluniversen vorgedrungen und nie wieder gesehen wurden. Es ist an der Zeit, der Schwerkraft nicht mehr unnötig viel entgegen zu setzen und die Verschiebung einer Realität, die nicht länger an Materie gebunden sein will, nicht länger aufzuhalten. Durch diese Verschiebung des uns bekannten Raum-Verhältnisses, dessen unbestreitbarer Teil wir selbstverständlich sind und bereits auf dem besten Wege unsere natürliche Materialität durch Anpassungen, ästhetische Erweiterungen und Veränderungen, Tech-Gadgets und Pulse-Tracking, Ortung und Reinheit, Brillen und Pillen etc. zu unterlaufen und schließlich ganz zu negieren und sich dem Strom des Realen hörig anzuschließen, entsteht ein Vakuum, ein verfügbarer Platz im Universum. Nun ist es nicht Thema, die psychologischen Gründe und technologischen Mechanismen der Verschiebung zu ergründen, sondern darüber zu imaginieren, was mit der Leere geschieht, der Abwesenheit und umfassenden Stille, wenn das Monster der Realität seine materielle Bühne verlassen hat. Wer wird der nächste Akt sein, wenn sich der Vorhang, denn wir allgemein und unscharf Zeit nennen, erneut lüftet?
Vielleicht offenbaren sich Dinge und Wesen, die bisher als Träumerei, als Naivität oder Gedankenspielerei abgetan wurden. Eben dadurch, dass sich die Realität, das materiell Wahre und die wahrhaftigen Aussagen darüber ins virtuelle, mannigfaltige, nebulöse, hyper-reale, in den Cyberspace, den Code, das bedürftig geschaffene, die Matrix, die Funk und Radiowellen, Bluetooth und mobile Daten, in Pixel und einfache Bilder, hex-codes und Befehlszeilen, in Phenol-peelings und ferngesteuerte Kühlschränke verschoben und sich selbst verschluckt hat, fragt sich was an diese Stelle tritt, an den Grund und Schatten aller Dinge, welche neuen Fromeln die xyz-Achsen bevölkern. Kurzum, was folgt auf die Transformation des Realen? Und transformieren sich alle Bewohner auf die selbe Art und Weise mit? All die Körper und Sinnesorgane, wer bevölkert den Platz, der sich bieten wird, wenn die Matrix entleert und die Materie wieder komprimiert ist? Gewiss wird es kein zurück-auf-Los geben, die Herrschaft des Realen hat ihre Furchen und Faltungen in der Zeit hinterlassen und der Prozess der Transformation Verwerfungen und Löcher, welche die Zukunft nicht ignorieren kann. Kein clean-slate, alles folgt der Richtung des Pfeiles, Orphaned Data verbleibt unter der Oberfläche. Andere werden es Karma nennen; so hinterlässt eine Nation, die in Angst und Hass gelebt hat, gewiss dasselbe Karma auf ihrem Grund, welches zur ersten Natur alles Nachfolgenden werden wird, bis irgendwann eine neue Geschichte in dieses Palimsest des Seins geschrieben wurde. Nun können es wie eingangs erwähnt, bisher in die Sphäre des Phantastischen verbannte Wesen sein, Geister, heimliche Gedanken, Hirngespinnste, wilde Fantasien, Träume und Halluzinationen, die sich in den leeren Rahmen schreiben, welche die Ruinen beseelen, die Räume beleuchten und die Fassaden und Fugen als das ihre erklären. Der Glaube ebenso wie die Liebe, die Alpträume und unterdrückten Bestrebungen, die Engel und Phantome treten ein, bevölkern die Hüllen; Einen Raum den wir einst den unseren nannten, eine Behausung, abgesteckt und eingerichtet, wohnlich, nun entleert und zurückgelassen. Unter der erbarmungslosen Sonne des ausgehenden Jahrhunderts schmelzen Steine und Glas, Stahl und Beton dahin, letzte Häute und Fasern, alles an Dingen die aus unterschiedlichen Gründen noch da waren, werden unscharf, zersetzen ihre Massen, werden flüssig und fließen in Bächen, Strömen und Sturzfluten an Masse, Urform und Urschlamm der Gegenwart, der alles mit sich reißt, was sich bis dato nicht transformieren ließ. Eine Entleerung, ein Exodus des Realen, das auch nur eine temporäre Datei von vielen war. Gravitation und Rotation tun ihr übriges, ein Hausputz, die Wohnung wird besenrein übergeben, nachdem wir uns nochmal besonders schön gemacht haben.
Als dann kein Bewusstsein mehr umherstreift, kein menschlicher Rezeptor mehr im Stande wäre, die Realität zu reproduzieren und die Wirklichkeit zu erkennen, lebt fort, das was verdrängt wurde, wird gesehen durch die, die zurückgeblieben sind und ihrerseits sehend geworden sind, dem rauen Gefühl verbunden, dass nun andere Geister Erbauer des Wirklichen sind. Einige wenige sind bereits vor Abschluss der Transformation, der großen Überwindung, Teil der Ströme und Geister geworden. Heute würde man noch sagen "erleuchtet", "erlöst", als ob das menschlich-materielle eine niedere Sphäre darstellt. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Geister* nehmen zunächst die Form, das Aussehen an, welche von den ursprünglichen Bewohnern für sie erdacht und fantasiert wurden. Sie fallen in den Rahmen, das Abbild, die Vertiefung, die über Jahrhunderte, vermutlich Jahrtausende geformt wurde.
Die Liebe wird vielleicht ein sich nahes Paar sein, etwas fest umschlungenes, ein Blick, eine unbeholfene Bewegung, eine tiefe Zufriedenheit und Abhängigkeit. Alles geschieht ohne Worte, überhaupt hat sich diese Realität dem Geräusch, dem Klang entsagt, denn ein Resonanzraum ist dem Material verschrieben. Ein gesprochenes Wort ist ein Phänomen des Stofflichen und im übrigen ganz und gar einschränkend und wenn diese Realität, die wir als Hauch, als flüchtigen Riss erahnen, durch eines definiert ist, dann dass sich nichts bezeichnen, nicht fassen oder einfassen lässt. Ganz und gar einer Position entbunden, abwägend, färbend, sich immerzu bewegend, kann nichts mehr erklingen, zu mindest nicht auf Dauer. Alles ist ein Echo, auf das was gewesen war, eine Fortsetzung, die man nicht mit einer besseren oder schlechteren Realität verwechseln darf. Die Geister und Götter der Alpträume und Hoffnungen entziehen sich der Kategorien, sind gehässige, wilde Viecher, die umherstreifen, der Aufagbe entbunden, Besitz von Wesen zu ergreifen, denn die Wesenheiten sind jetzt alleine sie.
"Und die meisten von uns gingen ohne einen Funken Angst, ohne Hoffnung ohne Hass und ohne Liebe, zumindest nicht in der Liebe zu sich, denn all dies hatte sich bereits abgelöst, auf dem Weg geboren zu werden, wenn der Letzte von uns gegangen war. Denn es wurde gesagt: Nehmt all die Ideen, die Genialitäten, die Erfindungen, die Worte und Bilder an euch, haltet sie fest und ladet sie in das System, denn es ist alles was wir speichern können, dafür ist Platz in der Cloud und all dies können wir übersetzen und auf ewig behalten, auf ewig reproduzieren und beliebig mit Textur versehen. Lasst eure Leidenschaften dort, wo sie immer waren, in der Abhängigkeit zur Materie, die da ist nur die unverbesserliche und sterbliche Natur, die nicht vermag zu tragen, was unser Wille in Zukunft tragen wird und unsere Sinne in Zukunft sinnhaft werden lassen."
*wir nennen diese Bewohner so, auch wenn "Geister" im allgemeinen eine mit negativen Gefühlen, Ängsten und dem Toten in Verbindung gebracht wird. Zutreffender wäre "Energien", aber es liegt am Leser, diese Unschärfe mit eigenen Bildern zu überbrücken.