narrative spaces

(which) gods will be watching / reworked /

In einem Geschäft mit alten Möbeln fand ich zwei Postkarten.
Da mich Postkarten, vor allem ältere, schon länger interessieren,
fiel mir die Holzkiste auf einer Kommode direkt auf.

Zwei Postkarten zeigen jeweils die Christus-Statue. Für einen kurzen Moment bin ich irritiert, da ich die Statue des Christo Redentor über den Hügeln von Rio kenne, und fast jeden Tag einmal kurz erblicke und auch schon dort gewesen bin. Die Statuen auf den Karten zeigen ebenfalls jeweils eine Statue, welche vom Typ, Material, Größe, Haltung und Geste der Figur eindeutig einer überlebensgroßen Christus Darstellung zuzuordnen sind. Und für einen Moment nehme ich an, es ist "der Christo", das bekannte neue Weltwunder. Und um meine Irritation in Gewissheit zu überführen, schaue ich sofort zum Sockel, der nicht nur auf beiden Abbildungen unterschiedlich ist, sondern auch in beiden Fällen nicht dem Sockel des Christus entspricht, den ich in Rio gesehen habe.

Christ2

Jetzt ist es fast unangenehm, wirkt die linke der beiden Abbildungen nun wie ein schlanke, kindliche, fast groteske Version des Originals. Jemand dachte wahrscheinlich: Rio hat einen Christo, also brauchen wir auch einen. Der Christo als Exportschlager. Die kleinen, schlecht gegossenen Mini-Christos, gekauft an der Copacabana, per Flugzeug über das Land verteilt und eingepflanzt. Christo auf Reisen, natürlich, ein Missionar.

Oft richte ich das Handeln danach aus, wie es später erzählt werden könnte. Von einer zeitlich und räumlich distanzierten Position heraus. Wie ich oder jemand später einmal über die Ereignisse berichten würde, ich bewerte und beobachte mein jetziges oder potenzielles Handeln aus einer erzählenden Perspektive heraus.
Ich mag den Gedanken, dass die Gegenwart eine einzige, lange, dehnbare Masse ist. Wie ein rosafarbener Kaugummi, den ich in die Länge ziehe, so dass die Mitte durchhängt und sich von den Enden entfernt. Statt das Handeln Präsens sein zu lassen, erzähle ich mir selbst die Geschichte und verschiebe dabei die Handlung ins Vergangene und die Erzählung in die Zukunft. Und dieses Licht der Zukunft kann ich so lange zurecht rücken, so lange schummeln, so lange Löcher die zähe Masse des Jetzt ziehen bis der Ursprung des Gedanken, der Handlung, undeutlich wird und selbst in eines dieser Löcher fällt.

Im Laufe dieser Zeit setzt ein jeder seine Barrieren, seine moralischen Leuchttürme, seine Leitplanken. Dinge an die wir glauben. Ein jeder Mensch glaubt, es gibt nur Gläubige, allein bedingt durch das linear wahrgenommene Zeit Empfinden schließen wir durch unseren Glauben an Prinzipien und Bindungen Wetten auf die Zukunft ab. Sei es durch Erfahrungen, Vorbilder, durch Momente, die einem widersprechen, in denen Reibung entsteht mit dem was wir als Selbst bezeichnen. Es sind Entscheidungen, mehr oder weniger dehnbare Prinzipien, an denen wir das Leben ausrichten. Unvermeidlich kommt es zu Situationen, in denen wir konfrontiert werden, mit den Barrieren anderer oder den vermeintlichen Möglichkeiten, die sich in den Spalten und hinter den Schranken verbergen. Ein Gefühl des Zweifels steigt auf, die Flexibilität der Handlungsräume wird auf die Probe gestellt und von anderen Perspektiven betrachtet. Wie viel es uns wert ist, diese Wände und Fenster, die wir einmal selbst aufgebaut haben, durch die wir die Welt sehen oder uns vor ihr bewahren, wieder einzureißen? Anders gesgagt: Wir wählen unsere Götter selbst. Wir wählen unsere Beobachter. Und wie fühlt ein Mensch, bevor er konvertiert? Ist es für immer, oder lassen sich die Bücher umschreiben, erweitern? Für wie viele Götter ist dort Platz, auf den Hügeln über dieser Bucht?

← Voriger Post Nächster Post →