Wir fliegen heute Nacht noch
Mein guter Freund rief mich an, als ich gerade im Flugzeug sitze. Mitten durch die Nacht schwirre ich, laut dem Monitor vor mir bin ich irgendwo über Mauretanien. Es sind noch gute 4-5 Stunden Flugzeit. Das der Anruf überhaupt möglich ist, können wir zunächst nicht fassen: An Board gibt es zwar ein Wifi Netzwerk, aber dass es stabil genug für ein Gespräch ist, erscheint uns absolut unmöglich. Das Flugzeug erschien bisher immer als dieser abgeschirmte, von Raum und Zeit entkoppelte Ort, an dem man (ausnahmsweise, zum Glück?) mal keine Gleichzeitigkeit mit einem Ort der Außenwelt herstellen kann. Aber nun rede ich mit gedämpfter Stimme in einem abgedunkelten, nur spärlich durch orangene und blaue Lichter und hier und da die Bildschirme beleuchteten Raum mit meinem Freund, der gerade um 2 Uhr nachts durch Paris nach Hause radelt. Wir wollen es genauer wissen, er nennt mir Straße und Park und ich finde seine exakte Position nach kurzer Zeit auf dem Bildschirm vor mir. Es ist nicht nur unangenehm, zwischen all den schlafenden oder anwesenden Personen als einziger zu sprechen, sondern auch, in diesem Zwischenzustand ertappt zu werden. Fast so, als würde mich jemand aus dem Schlaf reißen, den ich hier nicht finde. Diese Zeit gehört niemanden, es gibt nichts zu tun, als warten und Filme zu schauen, also lass mich bitte in Ruhe, möchte ich sagen. Denn höchst sensibel ist dieser Raum, fragil, undefiniert. Noch ist nicht klar, ob sich sich der obskure Schleicher, Nebel des Krieges lüftet über dem Zielort, oder ob die Maschine noch eine Runde drehen muss. Auch ist nicht klar, wie die Herkunft sein wird, wie sie in Erinnerung bleiben wird und welche Turbulenzen und Höhenflüge sich unter ihre Bilder mischen werden. Ich sage mir selbst, es ist alles gut, und dennoch denke ich bisweilen auf Flügen: Wann stürzen wir denn nun ab? Wann ist es soweit, und ist es nicht soweit besser, als anzukommen? Wiederzukommen. Abzuhauen, anzufangen aufzugeben. Manchmal ist alles so gut und so leer, dass ich schreien könnte. Das kann ich aber leider nicht, denn um mich herum ist es sehr ruhig und erst als mich mein Gangnachbar auf einer mir fremden Sprache zu verstehen gibt, er fühle sich genervt, gereizt, oder was auch immer, lege ich auf. Ich wollte nicht viel sagen und habe trotzdem zu viele Worte verloren. Und ja, da ist diese scheiß Angst, dass auf einmal alles vorbei ist oder alles anfängt, alles von neuem zu Ende ist oder nie vorbei gehen wird aber sei gewiss, bevor wir in die ein oder andere Richtung abstürzen, melde ich mich vorher nochmal.
