narrative spaces

the secret lab of la roche-posay

schild_liminal

Ich konnte den 5. Stock nicht finden, weder Treppen noch Aufzüge führten vom 3. Stock dorthin. Dabei sollte es ihn geben, der Mitarbeiter des Kamera Geschäftes gab mir eine Visitenkarte. Darauf stand deutlich:
5. andar, Centro, RJ.
Dieses commercial center endete augenscheinlich auf der dritten Etage und mit jeder Runde in diesem fensterlosen Neon-beschrifteten-electro-billig-Läden-Universum schien es unwahrscheinlicher, diesen Laden zu finden, von dem ich erhoffte, dort könne man meine Kamera reparieren. Mit der Karte und der Empfehlung des Mitarbeiters in der Hand fragte ich herum, bis ich im Erdgeschoss einem Aufzug-Komplex verwiesen wurde, der anscheinend in die höheren Ebenen verkehrt. Der Zugang zu den Aufzügen war von einer Doppelreihe Drehschranken eingegrenzt, die sich nur mit einem Chip o.Ä. passieren ließen, den ich offensichtlich nicht besaß. Ich dachte mir, diese Läden wollten nicht gefunden werden. Dabei verhält es sich normalerweise doch so: Wenn eine Partei Geld los werden will und die andere Partei Geld verdienen will, gibt es im Grunde kein Problem. Dennoch musste ich mich an dieser Stelle von der Existenz dieses Ladens überzeugen. Ich quetschte mich also leichtfertig durch die Drehschranke (deren Grund für dessen zahlreiche Existenz in der Stadt sich mir ebenfalls noch nicht offenbart hat) und nahm einen Aufzug in die fünfte Etage. Die Türen öffnen sich und ich bin in einem Apartment Komplex gelandet. Zwei lange Flure, breite, verkleidete Neonlampen, in beide Richtungen, Nummern an jeder Tür, lange Metall-Dielen an der Decke, aufgereiht, teilweise uneben. Schwarzgefliester Boden. Vereinzelte Feuerlöscher und Kameras. Hier wohnt man also, das würde den erschwerten Zugang erklären. Blick auf die Karte:
sala 538
Ich laufe den Flur in eine Richtung, die Sache ist schon kafkaesk genug, das muss ich mir kurz anschauen. Die Zahlen sind nicht überall gleich gestaltet und hin und wieder gibt es Schilder, die auf ein Angebot oder eine Firma verweisen. Also sind hier Büros, Mitarbeiter, die mysteriösen Call Center. Es sind Wohnungstüren, Nebeneinander, keine Person weit und breit. Ein blau-silber gestaltetes Schild weist den Weg. sala 538, es könnte hier sein. Demnach müsste sala 538 fast am Ende des Flures sein. Ich sehe mich in einem Film: Eine Person auf der Suche nach etwas, von dem sie nicht mal weiß, ob es das gibt und unwissend ihres Ortes, bloß eine Visitenkarte als Evidenz. Neugierig von diesem allerlei interessanten Suchspiel gehe ich weiter, zähle die Nummern, und dann stehe ich davor. Kein Schild, kein Hinweis, nur eine Klingel.
Nach ein paar Sekunden geht die Tür. Ein schmaler Raum, helles Laminat, nach drei Metern eine Theke mit Begrenzung zu Decke. Zur Linken drei Sitze, wie im Wartezimmer. Eine Frau hinter der Theke am Handy. Ich nicke kurz, nehme dann Platz. Angenehm. An der Wand gegenüber Werbung für den eigenen Laden und Stockfotos mit Naturmotiven. Ja, es ist wie in einem Videospiel. Einfache Texturen, Simple Gegenstände ohne Bedeutung, Symbole. Wo bin ich hier gelandet? frage ich mich. So schwer es zu finden war, so einfach bin ich jetzt da, und der Raum scheint auf mich gewartet zu haben. Die Frau ist fertig und ich trete an die Theke, zeige ihr die Kamera. Nein, so eine würden Sie nicht reparieren. Sie ruft noch einmal zu einem, für mich nicht sichtbaren Kollegen, hinter einer Trennwand zu, der sie bestätigt. Wie weit sich dieses Wunderlädchen noch erstreckt ist nicht ersichtlich, ich vermutete eine Werkstatt oder ein Lager, aber wer mag das schon sagen, der sichtbare Teil dieser Zelle erschreckt bis ca vier Meter hinter der Theke. Um noch einen Moment länger in diesem Raumschiff sein zu können und Obwohl ich die Antwort schon kannte, zeige ich ihr nochmals die Kamera, die seit ein paar Tagen nicht mehr geht. Und just in dem Moment, als ich den Fehler demonstrieren will, startet das Gerät in meinen Händen, als wäre nie etwas gewesen. Ich überspiele meine Verblüffung um nicht naiv zu wirken: Hin und wieder gäbe es Probleme mit diesem Gerät, aber hier könne man sicher nichts machen? Nein. Ich bedanke mich und trete wieder hinaus auf den Flur. Die Kamera geht wieder. Allein die Präsenz dieses schwer zu erreichenden Raumes hat zur Vollendung meines Ziels geführt. Keine Handlung war nötig, als die, eine Tür zu öffnen und vorzutreten.
Eine schöne Erzählung.
Auf dem Rückweg, erstaunt von diesem Ort, durch den Flur wandernd, widme ich mich einer großen roten Tür. Diese steht zu meiner rechten, halbgeöffnet, und fällt mir erst jetzt ins Auge. Sie führt zu einem Treppenhaus und Räumen, die als Abstellkammern dienen könnten. Licht kommt durch am Fenster des abgewinkelten Ganges, daneben eine Stahltür. Man kommt also auf mehreren Wegen hier hinauf, und noch weiter. Ich gehe weiter und lese auf der Tür unverkennbar:
"La Roche-Posay Laboratoire Dermatologique"
Ich muss lachen vor der Absurdität, die sich mir in diesem befremdlichen, seltsam riechenden und verborgenen Raumkomplex offenbart. Offensichtlich habe ich dort gerade die Weltenzentrale gefunden, das Geheimlabor eines jeden Science-Fiction Krimis, den Ursprung des Virus. Nur befindet es sich nicht unter der Erde, sondern mitten im Centrum von Rio de Janeiro, am Ende eines verlassenen Treppenhauses, im 5. Stock eines Wohnkomplexes, über einem Shoppingcenter. Was auch immer sich hier befinden mag, die Räume offenbaren ihr Potenzial hinter verschlossenen Türen und veräußern ihre Aura durch Türen, Fenster, Ritzen, Schlüssellöcher. Egal was das Schild vorgibt, es bleibt eine Symbol, eine Einladung für eine Erzählung wie diese. Der Raum dahinter existiert und erfüllt seinen Selbstzweck an dieser Stelle und füllt das Volumen dieses Hauses und das Volumen meiner Vorstellung. So wie der Raum meine Kamera, zumindest für eine Zeit, wieder zum laufen gebracht hat.

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